Würde ich mich nochmal fürs Mutter-Sein entscheiden?

Gepostet am Aktualisiert am

 

Meine Meinung, als Ergänzung zu Anne Busch (siehe unten)

Das grundsätzliche Problem von Mutterschaft und Geburt ist die patriarchale Fremdbestimmung und Total-Instrumentalisierung von Mutterschaft zwecks Etablierung und Realisierung der väterlichen Genealogie (Erbfolge). Selbstbestimmte Mutterschaft führt zu einer tiefen, genuinen und sinnvollen Erkenntnis über das irdische Leben und da stimme ich Anne Busch zu.

Da diese ursprüngliche Mutterschafts-Erfahrung weitestgehend überlagert wird durch patriarchal-dominante Fremdbestimmung in allen Gestaltungsbereichen (u. a. Medizin, Wissenschaft, Religion, Pädagogik etc…), wird die selbst- und mitbestimmte Mutterschaft diskriminiert. Der weibliche, innerkörperliche und vitale Schöpfungsprozess wird unterschlagen und durch die patriarchale außerkörperliche “Schöpfung aus Zerstörung” ersetzt. Denn die außerkörperliche “Schöpfung” geht immer mit dem Gebrauch, Verbrauch, Missbrauch und der Zerstörung von Natur-Ressourcen einher.

Das mütterliche Glück der tiefen Seins-Verbundenheit, was sich im innerkörperlichen Schöpfungsprozess während der Schwangerschaft, im Gebärvorgang, im Gebären von Leben und im Erhalten des Lebens manifestiert, findet in der männlichen (patriarchalen) dogmatischen Welt keine Entsprechung.
Mutter-Sein ist eine Grundvoraussetzung für die Mensch-Werdung und des Mensch-Seins. Mutter-Sein ist keine Rolle, die frau, mal eben, übernehmen und ablegen kann. Mutterschaft ist ein Entwicklungsprozess (eine Metamorphose) vom individuellen Sein zum sozialen Sein.
“Mit der Mutter beginnt die Mensch-Werdung, endet sie ohne sie?” (frei nach Cl. v. Werlhof).

Wenn wir erst mal die tiefe Bedeutung und Sinnhaftigkeit von Mutterschaft erfahren haben, kann uns die patriarchale Emanzipation, die eine Überlegenheit über die Natur vorgibt, nicht mehr täuschen. Es geht nicht um die Beherrschung der Natur und um Entfremdung von der Natur, sondern ums sinnvolle Verstehen und Erhalten der Natur.

So gesehen, würde ich mich wieder fürs Mutter-Sein entscheiden, weil ich diese elementare Lebenserfahrung nicht missen möchte und die Richtigkeit des Mutter-Seins wieder herstellen will! (Gisela Weber)

 

Als Mutter von vier Kindern finde ich mich in vielen Ihrer Gedankengänge wieder, bzw. kann sie gut nachvollziehen. Dennoch habe ich bei fortschreitendem Lesen immer deutlicher gespürt, dass es einen grundlegenden Unterschied in der Wahrnehmung gibt. Davon möchte ich erzählen.
Dazu möchte ich kurz anfügen, dass auch ich mich seit vielen Jahren u.a. mit den von Ihnen angeführten, anregenden historischen und aktuellen gesellschaftstheoretischen und unterschiedlichsten feministischen Ansätzen auseinandersetze.
Fast möchte ich sagen, dass mich ganz jenseits von Studium und Beruf besonders meine eigene Mutterschaft dahin geführt hat, mich intensiv mit diesen Dingen auseinanderzusetzen.
Der entscheidende Unterschied offenbart sich schon in den ersten Sätzen, in denen sie ihre Erschütterung nach der Geburt Ihres ersten Kindes schildern, nämlich die ungeheuerliche Last, die es bedeutet, für ein anderes Wesen derart existentiell verantwortlich zu sein. In der Folge lässt sich nachvollziehen wie jene so erschütternde Erfahrung menschlicher Bedürftigkeit und “Vulnerabilität“ Ihre Lebenshaltung und die Schwerpunkte der Auseinandersetzung mit dem Thema “Mutter“ oder “Mütterlichkeit“ beeinflusst hat.
Genau wie Sie konfrontierte mich die Geburt meines ersten Kindes mit diesen so existentiellen Fragen. Weit mehr noch – einem Hilfeschrei an das Universum gleich – formulierte sich in mir aber eine Frage ganz besonders:
Wo um alles in der Welt ist die Mutter. Wo um alles in der Welt sind die Mütter.
Fast schockartig wurde ich mir der Mutterlosigkeit unserer Gesellschaften und damit verbunden auch der eigenen, damit verbundenen traumatischen Erfahrungen, meiner eigenen Unsicherheiten und meiner abgrundtiefen Verlassenheit bewusst, bzw. begann diese systematisch zu ergründen und zu hinterfragen.
Zu dieser Erkundung gehörte für mich ebenso die übergreifende Erkenntnis:
“Im Mütterlichen komme exemplarisch zum Ausdruck, was Menschsein ausmache: Zum einen die zwingende Notwendigkeit, für andere oder auch für ‚die Welt’ zu sorgen, und zum anderen die eigene Abhängigkeit, Fürsorge zu bekommen. Kein Mensch überlebt ohne Fürsorge.“
Anders als Sie sehe ich diese Mütterlichkeit aber nicht allein in einer eher diffus wirkenden Fürsorglichkeit verwurzelt, die überdies “ Frauen zugeschrieben wurde bzw. jener Gruppe Menschen, die als Frauen definiert wurden.“ Oder “die dem Weiblichen zugewiesene Mütterlichkeit wurden abgewertet und unterdrückt, damit die menschliche Fürsorge-Abhängigkeit ausgeblendet werden konnte.“
Sie vollführen hier einen Saltomortale, durch welchen leider immer wieder verhindert wird, dass der Mütterlichkeit tatsächlich auf die Spur zu kommen ist. Ich habe den Eindruck, sie seien bemüht, Mütterlichkeit als eine mit Minderwertigkeit behaftete Zuschreibung abzuschütteln, um sie sogleich als gleichsam neutralisierte Notwendigkeit für alle Mitglieder einer Gemeinschaft, sogenannte “Care-Arbeit“ wieder zu installieren.
Was Sie jedoch eigentlich abwehren ist die als zugewiesen empfundene Rolle und diese ist ja wirklich ein Produkt jahrtausendealter Unterdrückung. Gilt es sich aber nicht ebenso dringend zu fragen, was Mütterlichkeit eigentlich wirklich bedeutet, ohne jene so tiefsitzende Angst vor Zuschreibung.
Mütterlichkeit ist ein Lebensprinzip, das unseren Gesellschaften fremder nicht sein könnte. Mütterlichkeit oder Fürsorglichkeit als Zuschreibung zu betrachten, bedeutet wesentliche Erkenntnisse und bedeutende Forschungsergebnisse über die Entstehung unserer männerdominierten Kulturen auszusparen. Es negiert eine Vergangenheit, in der das mütterliche Lebensprinzip, als ein Fürsorgeprinzip des Arterhalts, uns überhaupt erst zum Menschen gemacht hat. Hier war Mütterlichkeit keine Zuschreibung sondern gelebtes Selbstverständnis von Männern, Frauen und selbstverständlich auch Menschen jedweder sexueller Orientierung. Ohne das es einer vermeintlich gendergerechteren Verallgemeinerung in einem Aufgabenkatalog oder eines geschlechterneutralen Begriffs wie “Care“ bedurft hätte. Wenn Mütterlichkeit einzig eine Zuschreibung wäre, hätten wir als Menschen niemals eine Vorstellung davon entwickeln können und sie hätte auch niemals unterdrückt oder abgewertet werden können. Abgewertet kann nur etwas werden, das einmal Wert besessen hat. Die Frage muss doch vielmehr lauten was genau diesen Wert ausmacht, also schlicht, warum wir überhaupt dafür einen Begriff haben.
Es ist als würde man sagen: Ja, unbedingt, wir wollen Mütterlichkeit. Aber bitte ohne dieses lästige “Mutter“ vorne dran. 😉 Aber Mütterlichkeit gibt es nicht ohne die Mutter, oder ohne eine Vorstellung davon, was Muttersein bedeutet. Natürlich bemühen wir uns heute darum, dass Vorstellungen von Fürsorglichkeit Allgemeingut werden. Aber allein die Tatsache, dass wir das können, setzt die menschliche Ur-Erfahrung der Mutter voraus. Nicht nur im ganz persönlichen, sondern im übergreifenden – sozusagen evolutionären – Sinne. Und dieser Urerfahrung der Menschheit gilt es sich ohne Ressentiments wieder zu nähern.
In Wahrheit aber herrscht unglaubliche Angst davor jenen Wert wieder ins Recht zu setzen. Als würde sich damit jede Mutter ein Privileg zuschanzen und eine Art Bevorzugung oder Höherwertigkeit attestieren. Wer jedoch immer glaubt, Gerechtigkeit und Mütterlichkeit schließen sich aus, der wird eines mit Sicherheit finden: – lichkeit
Das mütterliche Prinzip aber wird man auf diesem Wege nicht entdecken können.
Um das noch etwas zu verdeutlichen, möchte ich das Beispiel der so unterschiedlichen Geburtserfahrung aufgreifen, das Sie in Ihrem Text anführen. Es verdeutlicht so sehr, worum es mir geht. Solange ich als Frau das Gebären als eine Art Gewalterfahrung wahrnehme, in die ich geworfen werde, als einen passiven Akt, als Fremdbestimmtheit, als von außen auferlegte Anweisung – es ließe sich auch sagen als Zuschreibung – laufe ich notwendigerweise Gefahr ihn als traumatisch zu erleben.
Dabei lässt sich während einer Geburt eine einzigartige Erfahrung machen, die genau mit jener scheinbaren Fremdbestimmtheit sozusagen in Eins fällt. Es ist die Erfahrung des Loslassens, des “sich Ergebens“ in einen Vorgang, der jenseits des eigenen Willens liegt. Gelingt es, sich diesem Prozess wirklich anzuvertrauen, also Vertrauen in etwas zu haben, was ja durchaus angsteinflößend und sogar schmerzvoll ist, geschieht eine Art Metamorphose, die nicht nur den Prozess selbst erleichtert, sondern die eine grundsätzliche Erfahrung mit sich bringt. Loslassen und Vertrauen, münden in jenen allesergreifenden Eindruck, mit dem Leben zu schwingen. Dafür ist es notwendig, die eigene Kontrolle aufzugeben und doch gerade dadurch – scheinbar widersprüchlich – überhaupt erst in die eigene Kraft zu kommen. In diesen Momenten entscheidet sich, ob die Erfahrung gewaltig oder gewaltvoll erlebt wird.
Die Tatsache Mutter zu werden, konfrontiert uns also einerseits mit der Tatsache einer überpersönlichen Kraft, die uns dorthin bringt. Ganz und gar jenseits irgendeiner je gemachten gesellschaftlich, oder geschlechterkampfbedingten Zuschreibung. Es bedeutet anzuerkennen, dass wir nicht alles selbst in der Hand haben und darüberhinaus sterblich sind. Zugleich bedeutet es den Reichtum einer ganz besonderen Erfahrung. Nämlich gerade weil Vertrauen in etwas scheinbar außerhalb von uns gelegenes möglich war, gelingt es tiefes Vertrauen in das Leben zu fassen. Denn dieses lebendige Sein sind wir selbst. Eben damit aber verbunden, ist nicht nur die Liebe zum Kind, sondern vorallem auch die zu uns selbst. Denn es hat sich etwas von unserem Selbst offenbart, das jenseits von Kontrolle und Machtausübung steht.
Auf dieser existentiellen Erfahrung fußt das mütterliche Prinzip, seit Menschen Worte haben, um es auszudrücken, seit Menschen einander anvertraut sind, seit Frauen sich in dieser Erfahrung verbunden fühlen. In dieser einzigartigen Verbindung von Mutter und Kind wurzelt das Prinzip der Fürsorglichkeit, das einmal für viele Jahrzehntausende das menschliche Miteinander und die Vorstellungen über die Welt geprägt hat.
Es bedeutet ganz selbstverständlich, aus sich heraus und doch ganz fern von Privileg und Herrschaft, einen völlig anderen Umgang im Zwischenmenschlichen wie auch mit jeder Kreatur.
Das ist es, wovon ich sprechen wollte. (Anne Busch)

 

 

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