Das mütterliche Prinzip ist besser

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Uschi Madeisky. Die Filmemacherin aus Frankfurt dokumentiert Matriarchate und wurde für ihr Lebenswerk mit dem Elisabeth-Selbert-Preis des Landes Hessen ausgezeichnet.

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Uschi Madeisky in ihrer Wohnung in Frankfurt-Berkersheim.  Foto: Andreas Arnold

Auf einen Kaffee mit Uschi Madeisky.

Uschi Madeisky hat einen schönen Ausblick auf Bäume und Gärten in ihrem Arbeitszimmer in Frankfurt-Berkersheim, das hell und modern eingerichtet ist. An der Tür hängt ein Bild mit Schriften von Elisabeth Selbert, ein Geschenk von Freundinnen zur Preisverleihung. Die 64-Jährige ist schlank und hat kurze blonde Haare, in ihrer Wohnung trinkt sie Filterkaffee oder sie geht hinunter in die Küche ihrer Schwester, die im selben Haus lebt. Die Filmemacherin ist viel unterwegs, hat Matriarchate in vielen Ländern und Kulturen besucht. Wo Frauen die Verantwortung trügen, sagt sie, lebten die Menschen besser als in patriarchalen Strukturen, an denen die Emanzipation nicht viel ändern könne.

Frau Madeisky, Sie sehen im Matriarchat eine Perspektive zum Überleben der Menschheit. Sind Frauen doch die besseren Menschen?
Nein, das mütterliche Prinzip ist überlegen. Für alle, die nichts über Matriarchate wissen, muss ich das erklären. In solchen Gesellschaften ehren alle Menschen die Mutter. Sie ist die Frau, die Leben schenken kann und damit einen sehr hohen Status hat. Auch der Mann fühlt sich seiner Mutter verpflichtet. Darauf sind Sozialstruktur, Wirtschaft und Spiritualität ausgerichtet. Die Frauen verwalten und verteilen den Besitz und alle gehen davon aus, dass sie dies so gerecht wie möglich machen. Es geht also nicht um Mann oder Frau, sondern um das mütterliche Prinzip, das besser als das männliche ist, so wie wir es kennen.

Ihr jüngster Film „Wo die freien Frauen wohnen“ beschäftigt sich mit einem Matriarchat in China, den Mosuo. Haben Sie dort ein Paradies für Frauen vorgefunden?
Paradies ist nicht der richtige Ausdruck, aber die Frauen sind dort so frei, wie nirgendwo sonst auf der Welt, auch freier als in unserer Gesellschaft, wo sie sich männlichen Werten unterordnen. Die Frauen leben in Harmonie, sind wohlwollend zueinander, es gibt keine starke Aggression und Egozentrik. Insofern ist dies von allen Gesellschaftsformen, die ich kennengelernt habe, für Frauen und auch für Männer der schönste Ort.

Wie lange waren Sie dort?
Zu allen Jahreszeiten, und jeweils für mehrere Wochen. Unser Team hat immer in derselben Großfamilie gelebt, wir sind schon fast adoptiert.

Wie organisieren sich die Menschen dort?
Ein Clan lebt auf dem Hof, mit Mutter und Großmutter als Oberhaupt. Nach ihrem Tod geht die Großmutter in die Reihe der Ahnen ein, die verehrt werden und die Schutz gewähren. Die Babys werden von allen gehalten und sind damit umfassend umsorgt. Als Kinder kümmern sie sich auch von klein auf um andere. Sie lernen das von den Alten, es gibt kein Trotzalter und keine Pubertätskrisen. Sie können sich frei entfalten, es wird kein Wissen in sie hineingestopft. In dieser Fülle wachsen anders konditionierte Menschen heran. Sie sind nicht neidisch, handeln aus Liebe. Weil sie satt sind, müssen sie andere nicht beurteilen oder belehren. Privatbesitz hat keine Bedeutung und kein Prestige, er wird auch oft weitergegeben.

Und die Männer?
Die Söhne bleiben bei der Mutter und übernehmen die harten Aufgaben, beispielsweise Handel, anstrengende körperliche Arbeiten, auch das Schlachten von Tieren. Frauen erledigen die Hausarbeit und bestellen auch die Felder.

Zur Person

Uschi Madeisky (64) studierte in Hamburg Soziologie und Pädagogik. Mit der Filmproduktionsfirma Colorama produzierte sie bis 2002 Filme für ARD, ZDF und Bildungseinrichtungen zu Gesundheits-, Bildungs- und Sozialthemen. Seit Mitte der 90er Jahre konzentriert sie sich auf Dokumentarfilme über zeitgenössische Matriarchate, unter anderem in China, Indien, Mikronesien und Eritrea.

Zu dem Thema lehrt sie an der privaten Akademie Alma Mater und gibt Vorträge und Workshops. Sie hat den Verein Matriaval mitgegründet, der die matriarchale Kultur auf der ganzen Welt unterstützen und vernetzen will.

Seit ihrer Schulzeit engagiert sich Uschi Madeisky für gesellschafts- und frauenpolitische Fragen, hat das Filmbüro Hessen und die Frankfurter Stiftung für Wissenschaft und Kunst maecenia mitgegründet. 2002 wurde sie mit dem Tony-Sender-Preis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet, im Herbst erhielt sie den Elisabeth-Selbert-Preis des Landes Hessen.

Ihr jüngster Film „Wo die freien Frauen wohnen“, den sie gemeinsam mit Daniela Parr und Dagmar Margotsdotter produziert hat, schildert das Leben der Mosuo, einem Matriarchat in China.

Informationen unter http://www.tomult.de (res)

Damit müssen sie aber die größten Lasten tragen.
Die Frauen sind körperlich sehr fit. Die Arbeit ist nicht schwer, weil sie gemeinsam und selbstbestimmt erledigt wird. Entscheidungen werden im Konsens getroffen. Das Leben ist nicht aufgespalten in Arbeit, Freizeit und Sozialkontakte wie bei uns. Man sieht sie singend bei der Feldarbeit, es wird nie eine Schuldige angeprangert, wenn etwas schiefgeht. Bei uns lasten oft alle Aufgaben auf einer einzigen Frau. Das ist ein enormer Druck.

Wo kommt das Einkommen her?
Die Mosuo sind ziemlich autark und gut beschützt vor äußeren Einflüssen. Sie leben vom Fischfang und haben fruchtbares Land. Es gibt zwar Handys und Fernseher, aber es herrscht eine vorindustrielle Wirtschaftsweise.

Und wie sieht es mit der romantischen Liebe aus?
Die stärkste Bindung, die lebenslang hält, besteht zur Familie. Damit haben sie eine Zweierbeziehung nicht so nötig. Menschen verlieben sich schon, leben aber nicht zusammen. Die Frau lädt einen Mann ein, er bleibt über Nacht und kehrt am nächsten Tag zum Hof seiner Mutter zurück. Solche Beziehungen wechseln häufiger, können nur eine Nacht, ein paar Wochen oder Jahre dauern, aber sie sind nicht wichtig. Sex muss nicht als Ersatz für Zärtlichkeit und Berührung herhalten, denn die haben die Frauen in ihrem Familienverband immer.

Haben Sie keine Liebesdramen erlebt?
Nein, das Glück hängt ja nicht von einem einzigen Menschen ab. Wenn sich eine Frau mal zu sehr nach einem Mann sehnt oder traurig ist, weil er nicht mehr kommt, wird sie von der Familie aufgefangen. Es gibt auch keine Eifersucht. Bei uns basiert die Familie auf der erotischen Paarbeziehung. Bei den Mosuo passiert Sexualität außerhalb der Familie, deswegen kommt auch kein Missbrauch vor.

Väter existieren nicht?
Kinder kennen nur den Mutterbruder, der sich mit um sie kümmert. Der Mann als Liebhaber zeugt zwar das Kind, aber er hat keine unmittelbare Bindung zu ihm und keinen Erzeugerstolz.

Chinesische Männer, die von außerhalb kommen, glauben, dass sie bei den Mosuo leicht unverbindlichen Sex haben können. Wird die Kultur durch diese Sextouristen gefährdet?
Im Internet und einschlägigen Zeitungen ist viel Falsches geschrieben worden, solche Männer, die trinken und grob sind, haben keinen Erfolg. Mosuo-Frauen sind sehr wählerisch und finden nicht die dominanten, abenteuerlustigen Typen attraktiv, sondern Männer, die charmant sind, sie unterstützen, gut aussehen und gute Sänger und Tänzer sind.

Und was machen Männer mit ihrem Testosteron?
Sie leben es mit Humor aus. Männer müssen ja ihre Kräfte messen, das machen sie auf spielerische Art, zum Beispiel bei Bootswettkämpfen. Auch wenn sie provoziert werden, reagieren sie nur verbal schlagfertig, sie haben es nicht nötig, einen Kampf anzufangen.

Sie haben Matriarchate in vielen Teilen der Welt aufgespürt. Was glauben Sie, warum gibt es nur so wenige?
Ich denke, dass alle urzeitlichen Gesellschaften matriarchalisch organisiert waren. Die Dominanz der Männer ist nicht entwicklungsgeschichtlich angelegt. Es gibt die These von einer Naturkatastrophe, die einen großen Ressourcenmangel verursachte. Um zu überleben, haben sich Horden gebildet, die friedliche Stämme überfallen und beraubt haben. So hat sich das auf Gewalt basierende Prinzip durchgesetzt. Heute ist der Mangel programmiert, zum einen materiell, weil einige wenige alles horten. Zum anderen emotional, durch die vielen Termine und den Druck, den Mütter erleben und auf die Kinder übertragen. Wir geben ihnen Konsumgüter zum Abspeisen, statt sie zu umfangen.

Es gibt auch Naturvölker, die im Einklang mit der Natur und ohne Besitzanhäufung leben, die keine Matriarchate sind. Hängt diese ganzheitliche Lebensweise nicht stärker von den Produktionsbedingungen als von den Geschlechterverhältnissen ab?
Nein, in patriarchalischen Strukturen herrscht immer auch eine gewisse Strenge und Unterdrückung, bedingt durch männliche Dominanz.

Haben Sie die als Kind auch erlebt oder wie sind Sie aufgewachsen?
Mein Vater war ein klassischer Nachkriegsmann, wir hatten Angst vor seinem Jähzorn. Meine Mutter war eine sinnesfreudige Frau, sie hat nicht zu viel eingegriffen und mir vertraut. Sie wollte, dass ich wie sie Lehrerin werde, was Sicheres mache. Ich habe Soziologie und Pädagogik studiert, auch das zweite Staatsexamen abgelegt. Danach habe ich mich aber lieber aufs Filmen konzentriert.

Seit den 70er Jahren haben Sie sich in Frankfurt für die Frauenbewegung engagiert. Sind Sie mit den Ergebnissen zufrieden?
Die Frauenbewegung ist ja noch lange nicht am Ende, sie ist weltweit die größte soziale Bewegung überhaupt. Im Sinne des Gleichheitsfeminismus hat sie viel erreicht. Frauen haben Zugang zu fast allen Institutionen, sie sind präsent, das ist schon mal gut. Aber wir wollen ja die Institutionen nicht lassen wie sie sind, so entfremdet, unterdrückerisch und hierarchisch. Sie müssen weiblicher werden.

Beim Thema Emanzipation geht es derzeit hauptsächlich um Chancen in Führungspositionen, Quoten und bessere Kinderbetreuung. Was halten Sie von solchen Forderungen?
Frauen müssten eigentlich mit mehr als 50 Prozent in allen Schlüsselpositionen sein, sie vertreten ja auch die Kinder. Aber wenn die Strukturen bleiben, haben wir gar nichts gewonnen, dann wird sich nichts ändern, die Ausbeutung der Erde wird weitergehen. Ich bin auch nicht dafür, dass wir Kinder bekommen und sie dann den ganzen Tag in Krippen strecken. Kinderbetreuung muss zu Hause geschehen, allerdings in einem Kollektiv, damit sich immer jemand kümmern kann. Eine einzige Frau wird nie genug geben können. Das habe ich von den Mosuo gelernt.

Eine vorindustrielle Kultur kann doch kein Modell für unsere Gesellschaft sein.
Warum nicht? Grund und Boden gehören in Mütterhand, das Männliche muss zurückgehalten werden. Da müssen wir uns was ausdenken.

Was meinen Sie damit?
Ich spreche von fehlgeleiteter zerstörerischer Männlichkeit, die Krieg verursacht, Aggressionen, Missbrauch, Sexismus, übertriebenen Wettbewerb mit allen negativen Folgen der Wachstumsgesellschaft. Für die Ausgebrannten werden immer mehr Heiler gebraucht, und so geht das immer weiter. Frauen müssen den Männern auf die Finger schauen und sie zu Hause einsperren, wenn sie Krieg machen wollen, das hat schon Erich Kästner vorgeschlagen.

Im Moment führen bei uns Frauen, eine Bundeskanzlerin und eine Verteidigungsministerin, Krieg in Syrien. Wie erklären Sie das?
Sie haben das mütterliche Prinzip auf ihrem Weg nach oben aufgegeben und die männlich-patriarchalen Strukturen verinnerlicht. Solche Frauen meine ich nicht. Ich kenne kein Matriarchat, das jemals einen Krieg angefangen hat.

Sie betreiben Studien, ein Archiv und eine Vernetzung der noch existierenden Matriarchate. Wie viele haben Sie erfasst?
Weltweit sind es etwa 200, acht davon habe ich besucht. Der Wunsch, mehr über solche Kulturen zu erfahren, wird bei uns immer größer. Als ich vor zwanzig Jahren anfing, Filme über Matriarchate zu machen, hatten Männer Angst und glaubten, wir wollen das Patriarchat umkehren. Oder sie machten sich lustig. Wenn ich damals Fernsehredakteuren das Thema anbot, haben sie abgewinkt mit der Bemerkung: „Das hab‘ ich doch schon zu Hause“.

Inzwischen werden Sie ernst genommen. Für ihr Lebenswerk haben Sie den Elisabeth-Selbert-Preis des Landes Hessen bekommen. Werten Sie das auch als gutes Zeichen für das Matriarchat?
Ja, die Abwehr ist weg. Männer sind aufgeschlossener, weil die Krisen des Systems immer offensichtlicher werden und viele nach Alternativen suchen. Es gibt immer mehr Initiativen in dieser Richtung, ob Urban Gardening, Wohnprojekte, Tauschringe oder Ökodörfer. Das ist gut, wir sollten uns nicht mit Forderungen an die Politik aufhalten, sondern diese Dinge einfach machen. Das geht nur in Gruppen und wir brauchen dazu keine Ideologie.

Sie haben lange mit einem Mann gelebt und gearbeitet, die Beziehung hielt nicht. Wie sieht heute Ihr privates Matriarchat aus?
Die Frauen meiner Familie leben zusammen in unserem gemeinsamen Haus am Stadtrand, meine Schwester, meine Nichte mit ihrer Tochter, die wir gemeinsam groß gezogen haben, und bis zu ihrem Tod auch meine Mutter. Die Frauen halten das Haus zusammen. Das funktioniert seit 13 Jahren sehr gut. Ich bin die kleine Mutter, so heißt die Tante bei den Mosuo.

Die klassische Familie, Mutter, Vater, Kind, geht oft in die Brüche. Es gibt immer mehr alleinerziehende Mütter mit Söhnen, die nicht von zu Hause ausziehen wollen. Sehen Sie das auch als Schritt in Richtung Matriarchat?
Na ja, Muttersöhne sind im Matriarchat keine verwöhnten, bedienten Prinzen, sondern Jungen, die ihrer Mutter aus Liebe sehr viel helfen. Nur eine Mutter mit einem Sohn als Kleinfamilie finde ich viel zu wenig, da kann das Kind kein soziales Verhalten lernen. Es ist auch nicht gesund, dass sich der mütterliche Trieb des Verwöhnens und Umsorgens voll auf ein Kind konzentriert.

Ihre nächste Reise führt sie zu Dreharbeiten in ein Matriarchat in Westsumatra in Indonesien, zu den Minangkabau, die Muslime sind. Wie passt das zusammen?
Dieses Volk ist dafür berühmt, dass es eine Balance halten und den Islam in die Schranken weisen kann. Der Islam musste sich ihrem Mutterrecht fügen. Das ist ein Bravourstück, das zeigt, was möglich ist, wenn die matriarchale Kraft stark genug ist. Frauen verfügen dort über Grund und Boden, halten Wirtschaft und Bildung in den Händen. Wenn sie heiraten, kommt der Mann ins Mutterhaus, das heißt die Frau behält den Schutz ihres Clans. Die Minangkabau erfüllen damit alle Kriterien eines Matriarchats und sie sind eine große Gruppe von fast sieben Millionen Menschen, die auch in Städten leben.

Der Islam unter weiblicher Kontrolle, das klingt nach einem neuen spannenden Film.
Ja, ich hoffe sehr, dass sich diese matriarchalen Traditionen trotz Erstarken des Islams halten können.

http://www.fr-online.de/frankfurt/filmemacherin-muetterliches-prinzip-ist-besser,1472798,33052018.html

Interview: Regine Seipel

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